Interview mit der Autorin Carmen Mayer zu ihrem historischen Roman “Die Rose von Angelâme”

edition oberkassel: Es wurden bereits mehrere Kurzgeschichten und zwei Kriminalromane von dir veröffentlicht, die alle in der Gegenwart angesiedelt sind. Wie bist du denn darauf gekommen, einen historischen Roman zu schreiben?
Carmen Mayer: Irgendwann las ich eine Pressenotiz über die Absicht des Vatikans, bislang geheim gehaltene Dokumente für einen bestimmten Personenkreis zugänglich zu machen. Es handelte sich dabei um Visionen und Prophezeiungen inzwischen Heiliggesprochener, soweit ich mich erinnere. Einesteils war ich irritiert darüber, dass die Kirche überhaupt irgendetwas geheim hält, andererseits natürlich neugierig auf das, was da zum Vorschein kommen würde.

eo: Wann war das denn ungefähr?
CM: Irgendwann Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger.

eo: Und welche spektakulären Enthüllungen kamen ans Licht?
CM: Das weiß ich leider nicht. Möglicherweise hab ich entsprechende Berichte übersehen, oder die Personen, die Zugang erhielten, hüllen sich in Schweigen. Vielleicht wurde auch nichts enthüllt. Ich hab mir jedenfalls folgende Gedanken gemacht: Wer erhielt solche ‚Botschaften‘, welche Auswirkung könnten deren Veröffentlichung nach sich ziehen, und warum hört man heutzutage nichts mehr über neue Weissagungen? Diese Fragen wollte ich beantwortet haben, und begann zu recherchieren.

eo: Anfang der Neunziger? Ohne World Wide Web?
CM: Damals konnte ich noch nicht auf Wikipedia oder Google zurückgreifen, das ist richtig. Ich geisterte also immer wieder durch die Stadtbücherei, las mich durch ganze Stapel Sach- und Fachbücher über Heilige und Unheilige – und kam quasi von Pontius zu Pilatus.

eo: Das kenne ich.
CM: Dazu kam, dass ich Stammbaum und Geschichte meiner Familie ausgegraben hatte, mich daran immer weiter zurückhangelte, und plötzlich alle Fäden in der rauchgeschwängerten Luft des frühen 14. Jahrhunderts zusammenliefen.

eo: Auf den Scheiterhaufen der Inquisition.
CM: Genau dort. Wobei meine Vorfahren gottseidank nicht davon betroffen waren. Mit einem Mal jedoch zeichnete sich der Plot für ein Buch ab. Ich wollte es zunächst nur für mich schreiben, um meine mühsam zusammengetragenen Erkenntnisse nicht zu verlieren.

eo: Du wolltest das gar nicht veröffentlichen?
CM: Ursprünglich nicht, nein.

eo: Wie lang hast du denn so vor dich hin geschrieben?
CM: Gefühlte, wenn auch kurzweilige Ewigkeiten. Mitte der Neunziger war jedenfalls die Urfassung fertig, und aus einer Laune heraus fragte ich 1998 einige Verlage, ob sie an einer Veröffentlichung interessiert seien.

eo: Mutig.
CM: Findest du auch, nicht? Ich schrieb natürlich nur die ganz großen Verlage an. Von allen erhielt ich eine der berühmten aussage- und wertefreien Standard-Absagen, die mir nichts weiter ausmachten: So richtig ernst genommen hatte ich das sowieso nicht. Ein Verlag ließ mich übrigens wissen, dass das Genre meines Buches nur einen verschwindend kleinen Leserkreis interessiere, und man ja auch finanzielle Interessen an einer Veröffentlichung wahren müsse.

eo: Ahja. Nun, die Gabe der Weissagung ist nicht jedem in die Wiege gelegt.
CM: Du sagst es. Ein Lektor machte sich allerdings die Mühe, mir zu schreiben, was ich an meinem Manuskript ändern sollte, damit es ‚zieht‘. Es waren wirklich wertvolle Tipps, die ein Freund von mir später in drei Worte fasste: Sex and crime.

eo: In einem historischen Roman, nicht schlecht.
CM: Hat mich anfangs auch etwas irritiert, später wusste ich, was gemeint war. Jedenfalls hätte ich sehr viel ändern müssen.

eo: Was du dann auch gemacht hast?
CM: Zunächst nicht. Ich fand den Einstieg nicht mehr und glaubte auch nicht daran, dass ein Verlag jemals ernsthaft an dem Buch interessiert sein könnte. Für mich hat’s ja gereicht, so, wie es war. Das Manuskript verschwand in der Versenkung, bis ich eines Tages Zugang zum Internet fand, und wieder Interesse am Recherchieren und Schreiben hatte. Allerdings: So schnell, wie sich der Stand des Wissens über historische Begebenheiten und Personen geändert hat, konnte ich gar nicht mitlesen. Da war es manchmal schwierig, den einmal eingeschlagenen Weg weiterzugehen, und nicht dauernd was anzupassen und umzuschreiben.

eo: Das Privileg des Autors ist, dass er die Welt seines Buches komplett neu erfinden kann. Was bei Texten mit historischem Hintergrund nicht so einfach ist.
CM: So ist es.

eo: Du hast mir erzählt, es hätte einige Seltsamkeiten während deiner Arbeit an dem Buch gegeben. Was denn für Seltsamkeiten?
CM: Mein Schwager hat mir angeboten, mein Manuskript als kritischer Erstleser zu begleiten. Er war im ehemaligen Jugoslawien stationiert, und alles lief per Post hin und her. Dabei ist mehrmals vorgekommen, dass ich ihm eine Passage geschickt habe, und Tage später tauchte vom Grundgedanken her genau das in der Presse auf, was ich kurz zuvor erfunden zu haben glaubte. Ich hab ihm die entsprechenden Zeitungsausschnitte nachgeschickt, weil ich es nicht fassen konnte.

eo: Was denn zum Beispiel?
CM: Meine Passage um das Grabtuch Jesu. Kurze Zeit, nachdem ich den Text an meinen Schwager geschickt hatte, stand in der Zeitung, dass diese Ikone aktuellen Erkenntnissen zufolge Mitte des 14. Jahrhunderts erstmalig von einer Witwe de Charnay erwähnt oder gar gezeigt worden sei. Genau weiß ich es nicht mehr. Ob es sich dabei um die Familie jenes Ritters handelte, der zusammen mit dem Templergroßmeister de Molay auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, ließ der Artikel offen. Außerdem: An der Stelle des Buches, an der die im Hintergrund mitlaufende Prophezeiung zum ersten Mal angedeutet wird, ist plötzlich mein Programm abgestürzt. Es war nichts mehr zu retten, und niemand konnte mir sagen, was da passiert ist.

eo: Ohoh!
CM: Das Buch bestand zu dem Zeitpunkt schon aus über 200 Seiten. Zum Glück hatte ich einen großen Teil der korrigierten Ausdrucke noch, die mein Schwager mir zurückgeschickt hatte. Davon konnte ich Vieles abtippen. Den Rest musste ich neu schreiben, soweit ich es noch im Kopf hatte.

eo: Zweihundert Seiten? Von Datensicherung hältst du nicht viel, oder?
CM: Puh, wunder Punkt. Ich hatte damals nicht viel Ahnung von Computern, und dachte es reicht, wenn ich meine Texte abspeichere, bevor ich ihn ausschalte. An ein und derselben Stelle stürzte mein Programm insgesamt dreimal ab. Inzwischen hatte ich allerdings den Sinn einer externen Sicherung erkannt. Danach war alles in Ordnung.

eo: Vielleicht hat dein Computer aufgegeben, dich zu sabotieren.
CM: Auch Computer sind nur Menschen …

eo: Im vergangenen Jahr landete das Manuskript dann beim Verlag edition oberkassel.
CM: Wieder eine andere Geschichte, die mir allerdings auch gefällt.

e.o.: Jetzt ist das Buch fertig und wartet darauf, gedruckt in die Hände von Lesern zu gelangen, die mehr über die Rose von Angelâme und ihr Geheimnis erfahren möchten. Ich wünsche dir viel Erfolg damit, und hoffe, dich bald auf einer Lese-Tour begleiten zu können. Wie ich sehe, gibt es noch viele interessante Dinge über das Buch zu erfahren.
CM: Wer Augen hat, zu sehen …

eo: Woran arbeitest du jetzt?
CM: An einem Roman über einen österreichischen Exulanten unter den Vorzeichen des Dreißigjährigen Krieges, und natürlich am dritten Band mit Kommissar Walter Braunagel.

eo: Darüber musst du mir bei Gelegenheit mehr erzählen.
CM: Wer Ohren hat …