Quinke, Sibyl

Sibyl Quinke © Olaf Hensel
Sibyl Quinke
© Olaf Hensel

Ihr Wissen über die Wirkung giftiger Essenzen brachte die promovierte Apothekerin Sibyl Quinke dazu, einen Krimi zu schreiben.
Die gebürtige Freiburgerin schreibt sie seit Jahren als freie Mitarbeiterin Artikel für die Bergischen Blätter. Mit der Zeit entstanden auch Märchen und lyrische Texte. Sie hat diverse Preise bei Ausschreibungen gewonnen und geht mit einem Bühnenprogramm auf Tour. Sie ist Mitglied im Literaturkreis ERA e.V., sie begleitet maßgeblich die Reihe “Literatur am CronenBerg”, ist Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift KARUSSELL und Mitglied im Schriftstellerverband sowie dem SYNDIKAT.

bei edition oberkassel:

Nächste Veranstaltungen

Sibyl Quinke liest aus »Der Tod im Flakon« 27/10/2017 / Wuppertal

Interview mit der Autorin

In der Literaturlandschaft Ihres Heimatortes sind Sie gar nicht mehr so unbekannt. Trotzdem wäre es interessant, wo Ihre Wurzeln sind. Wo kommen Sie her? Was haben Sie vor dem Schreiben gemacht?

Gift ist meine Leidenschaft, und das prägt auch meine Herkunft. Gut, geboren bin ich in Freiburg, eine schöne Stadt, die hat nichts mit Gift zu tun. Auch die Schulzeit in Darmstadt war ungiftig, aber dann … Das Pharmaziestudium war der Einstieg und die Dissertation im Fach Pharmakologie – Pharmakologie ist die Lehre von den Giften – das war meins. Und nun möchte ich mein Wissen sinnvoll einsetzen, da bringe ich halt Leute um. Meine Protagonisten vergifte ich gerne …

Wie würden Sie sich charakterisieren? Gerne auch in Stichworten.

Schwere Frage. Wenn mich eine Idee packt, lässt sie mich nicht mehr los. Ich bleibe dann konzentriert an dem Projekt. Ich muss es fertigbringen, das hängt dann wie ein Terrier an meinem Bein. Manchmal sind es zu viele Ideen, was bei mir Stress auslöst.

Manchmal bin ich bin zu zuverlässig; ich kann schlecht fünfe gerade sein lassen. Man kann gut mit mir zusammenarbeiten; ich habe es natürlich gern, wenn andere mit mir ebenso umgehen.

Ohne was können Sie den Tag nicht überstehen?

Ohne Schreiben und ohne Schokolade … deshalb kneift auch schon wieder mein Rockbund – na gut, dann muss ich eben ein weites Kleid anziehen oder eine Hose in einer größeren Kleidergröße kaufen.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Gab es besondere Ereignisse, die Sie auf den Weg zur Schriftstellerin gebracht haben?

Es war eine schleichende Entwicklung. Mein erstes größeres Epos war natürlich meine Dissertation. In meinem früheren Leben habe ich Gutachten für die pharmazeutische Industrie geschrieben. Vor etwa 25 Jahren begann ich für die Bergischen Blätter Artikel zu schreiben, zunächst mit naturwissenschaftlichen Aspekten. Meine Englischlehrerin – die nette Linda – forderte mich und auf, Märchen zu erfinden, der Diktion wegen. Es folgten Märchen in deutscher Sprache, Gedichte, Kurzgeschichten und schließlich mein erster Wupperkrimi.

Waren oder sind Sie in Autorengruppen aktiv? Wenn ja welche?

Ja. Begonnen hat alles mit dem Literaturkreis ERA, später bin ich zum Schriftstellerverband – hier Ortsgruppe Bergisch Land – gestoßen, wo wir uns regelmäßig austauschen. Mit dem ersten Krimi bin ich Mitglied im Syndikat geworden und bin den Mörderischen Schwestern e.V beigetreten. Solche Kontakte sind essentiell. Zum Schreiben hockt man nur für sich im stillen Kämmerlein, ohne Ansprache, ohne Kontakt, und Meinungsaustausch ist einfach wichtig.

Wie kommen Sie auf die facettenreichen Figuren in deinen Romanen?

Figuren, da muss ich mich nur in meinem Umfeld umschauen. Da gibt es Stars und Sternchen, Politiker, aber auch ein Geschäftspartner, ein Sportler, die Nachbarin, ein Kollege oder, oder, oder … Ich nehme einen, der in die Rolle meiner Geschichte passt. Dann muss ich den noch etwas überzeichnen, sonst ist der/die zu langweilig. Manchmal entwickeln sich auch Fantasiefiguren. Die kommen einfach auf mich zu und sind da. Allerdings müssen die immer so machen, so wie ich das vorgebe, sonst fliegen sie aus der Story raus.

Wo holen Sie sich Ihre Inspiration her? Wie kommen Sie auf die Themen? Wo kommen die Ideen für Ihre Bücher her?

Das liegt alles auf dem Weg, auf der Straße. Da ist es eine Melodie, um die sich eine Geschichte ranken kann, ein Geruch, ein Duft … Ich habe im Mai den Fliederduft wahrgenommen und das war der Anfang von … das kann man ab August 2017 lesen. Ich kann nicht sagen, woher die Eingebung herkommt. Das ist wie bei Mathematikaufgaben in der Schule: Ich saß davor, keine Idee, ich habe geguckt und geguckt, und dann war alles klar. So geht es halt. Und natürlich gibt es das Genre vor. Es braucht einen Mord, der ergibt sich aus einem Beziehungsgeflecht und schließlich die Aufklärung. Allerdings braucht der Plot viele einzelne Ideen, die alle LOGISCH ineinandergreifen müssen, da fühle ich mich dann schon sehr gefordert.

Die Alternative: Reiseberichte. Da fährt man weg, lässt sich faszinieren und bringt das auf Papier.

Wie gehen Sie beim Schreiben vor? Kennen Sie am Beginn schon den Täter? “Planen” Sie die Geschichte?

Ich beginne gerne mit der Mordwaffe, und die ist oft das Gift. Das ist für mich am einfachsten, das habe ich schließlich gelernt. Dann brauche ich natürlich einen Mörder, der mit der Waffe oder dem Gift umgehen kann, die Wirkungen kennt und auch weiß, woher er/sie das bekommt. Und schließlich ein Opfer. Dazu einen knallharten Zwist, denn „für ein Buch, vor allem eines, das man kaufen kann, bringt man keinen um.” (Zitat aus DREI TÖDLICHE KUGELN). Das Motiv muss ich mir entwickeln, und es muss nachvollziehbar sein, sonst ist es langweilig, und der Mörder muss geschickt vorgehen, damit die Kommissare zunächst im Dunkeln tappen. Der Täter darf aber auch nicht zu schlau sein, denn zum Schluss soll der/die TäterIn überführt werden, möglichst mit einem Überraschungsmoment – also, alles ganz einfach …

Wie arbeiten Sie an Ihrem Schreibstil?

Ich habe viele Kurse besucht, kreatives Schreiben, wie bringe ich Spannung in mein Manuskript, wie entwickelt man Figuren etc. Ich treffe mich regelmäßig mit Kollegen, wo wir unsere Texte sehr konzentriert bearbeiten, sozusagen ein Fein-Tunig vornehmen.
Hilfreich ist auch lesen. Wenn ich ein Buch gefunden habe mit einer einnehmenden Diktion, dann wird die Handlung so manches Mal zweitranging. Von so einem Schreibstil lasse ich mich gerne einfangen und inspirieren.

Wie recherchieren Sie?

Ich recherchiere in vielen Quellen, je nachdem, was gefordert ist. Was die Gifte anbelangt, rekapituliere ich die entsprechenden Kapitel im Pharmakologiebuch, obwohl ich das Fach studiert habe. Wirkungsweise und Effekte sind wichtig, wobei natürlich bei bestehenden Nebenerkrankungen noch eine zusätzlich interessante Komponente hinzugefügt werden kann, z. B. wenn ein Diabetiker Zucker erhält … Ich habe auch Lehrbücher für die Polizeiausbildung in meinem Bücherschrank stehen, ebenso wie Tatsachenberichte, für Laien aufbereitet, geschrieben von Ermittlern wie sie Fälle gelöst haben. Ebenso finde ich die Psychologie hilfreich, weil sich daraus gut Konflikte konstruieren lassen. Bleibt natürlich die Recherche vor Ort. Manche Szenen spielen z. B. in einem Tangosalon. Da ist es von großem Vorteil, wenn ich die Atmosphäre aus eigenem Erleben wiedergeben kann oder auch ganz profane Situationen, wie der Milchkaffee am Wupperufer, den kann ich beschreiben, wenn ich mir einen solchen vor Ort gönne. Ich lasse mich auf das Quietschen und Kratzen der Schwebebahn ein, ich beobachte den Fischreiher wie er nach seinem Mittagessen Ausschau hält und genieße die Luft. Solche Szenen bringen die Geschichte nicht voran, aber sie lassen den Leser verschnaufen und er/sie kann sich einlullen lassen, sich wohlfühlen, in Wuppertal, bis es dann wieder im Takt weiter geht.

Wie gehen Sie mit negativer Kritik um?

Oh, schwierig. Zunächst bin ich enttäuscht. Dann schaue ich mir an, was moniert wurde, und wenn es eine gute Rezension ist, und das Monitum stimmt, bleibt die Frage wie stark der Rezensent darauf herumreitet. Ich nehme mir das dann zu Herzen und versuche, das das nächste Mal zu berücksichtigen. Nicht alles passt. Mir wurde einmal negativ vorgehalten, die Kapitel seien zu kurz und gerade das wurde in einer anderen Rezension als besonders positiv erwähnt.
Und dann hatte ich eine positive Rezension, und ich fand, der Autor hat einfach schon zu viel von der Geschichte verraten und Spannung weggenommen. Das ist weniger erfreulich. Da gibt es noch die Möglichkeit, die Faust in der Tasche zu machen, aber dazu hatte ich bisher selten Anlass.

Ist denn schon ein weiterer Roman geplant?

Was heißt geplant. Gerade ist Drei tödliche Kugeln herausgekommen. In der Pipe-line des Verlages sind von mir ein Reisebericht und ein weiterer Krimi; sie erscheinen in 2017. Der nächste ist in statu nascendi und für den übernächsten sammle ich Ideen. Außerdem plane ich nicht, die Ideen kommen zu mir oder laufen mir nach.

Meinst du, die in manchen Kreisen gemachte Unterscheidung zwischen E- und U-Literatur hat auch noch heute Bestand? Ist sie sinnvoll?

Ernste Literatur kann sehr unterhaltend sein, sollte sie auch, denn es ist lästig, wenn man sich durch einen Roman quälen muss (wie es mir zu Schulzeiten ergangen ist). Es ist halt die Frage, für wen schreibe ich, für Philosophen (kann ich nicht), Groschenromane (kann ich auch nicht, man verdient damit aber Geld). Es bleibt: Ich möchte über meine Geschichte mit meinen Lesern in Kontakt treten. Das ist mir wichtig.

Bedeuten diese “Pseudo-“Definitionen etwas für deine Arbeit? Hast du diese Begriffe im Kopf, wenn du schreibst?

Nein. Während des Schreibens entwickelt sich oft die Geschichte, dann bin ich mitten drin und denke an keine Definitionen. Ich schreibe für meine Leser, nicht um Definitionen zu befriedigen.

Apropos Schreiben: Wie schreibst du? Per Hand oder am Computer?

Sowohl als auch. Wenn ich Atmosphäre einfangen will, sitze ich am besten mitten drin, mit Stift und Papier, aber wenn es draußen regnet, und ich sowieso vor meinem Compi sitze, z.B. im Internet recherchiere, dann kommen so manche Textseiten direkt in den Computer. Manchmal sitze ich vor dem Bildschirm und schreibe und schreibe. So entsteht die Rohfassung.

Was halten Sie von Genres? Würde Ihr kreatives Gefühl auch ein anderes Genre zulassen?

Genres, das ist eine grobe Einteilung und auch gut. Wenn jemand einen historischen Roman sucht, möchte er/sie sich nicht durch alle mögliche Literatur wie z.B. Science Fiktion durchwühlen und umgekehrt. Es gibt auch Zwischendinger, der historische Roman mit Krimifaktor, oder ich bin gerade dabei, so ein Mittelding von Krimi und Chick lit zu schreiben. Ja, und im Mai 2017 erscheint von mir, wie schon erwähnt, ein Reisebericht, ein ganz anderes Genre. Warum sich nicht in verschiedenen Genres ausleben.

Sie schreiben in verschiedenen Genres. Welches Genre macht Ihnen mehr Spaß?

Es ist davon abhängig in welcher Stimmung ich mich gerade befinde. Wenn ich z.B. bei meinem Krimi die Logik nicht richtig zusammenkriege, dann fehlt auch der Schreibfluss, dann brauche ich eine Pause. Und wenn ich zwischen ganz schöner Natur sitze, dann kann es auch ein Gedicht werden, das die Atmosphäre einfängt.

Sie stellen Ihre Romane auch in Lesungen vor. Wo können sich denn die Fans in der nächsten Zeit ein Buch von Ihnen signieren lassen?

Da schauen Sie doch auf meine Webseite www.sibylquinke.de. Dort finden Sie meine aktuellen Termine, zwei/drei Mal können Sie mich pro Monat erleben. Zum Beispiel werde ich im September im Redaktionshaus der Bergischen Blätter drei Lesungen hintereinander machen, sie treffen mich auch auf der der Insel Juist. Die Insel Töwerland hat mich zu einem längeren Schreibaufenthalt eingeladen, wo ich mich mit einer Lesung bedanken werde.

Es heißt, Schriftsteller müssen viel lesen. Wenn Sie die Wahl hätten, drei Bücher auf eine einsame Insel mitnehmen zu können, welche Bücher wären das?

Mich haben fasziniert: Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier, Menschen im Hotel von Vicki Baum und Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque. In allen Büchern werden subtil und ohne Karacho die Situationen und Figuren beschrieben und bringen unmerklich, aber spannend, die Geschichte weiter. Diese Bücher kann ich noch einmal lesen, ja, und wenn ein viertes erlaubt ist, dann den Brockhaus, da gibt ein Stichwort das nächste und stillt den Wissensdurst.

Welcher Ihrer Romane liegt Ihnen besonders am Herzen und warum?

Immer der neuste, obwohl, die anderen sind natürlich auch meine Babys. Die Figuren leben mit mir und verabschieden sich nicht einfach, nur weil sie nun ihr Dasein zwischen zwei Buchdeckeln fristen müssen.

Jede Autorin, jeder Autor träumt vom großen Durchbruch, für den lange Zeit ganz hart gearbeitet werden muss. Dies einmal außer Acht gelassen haben Sie sicherlich auch noch andere Träume im Leben. Was würden Sie gerne noch machen wollen oder genießen?

Kurze Antwort: Ich würde gerne einmal die Galapagos-Inseln besuchen. Wie ich mich kenne, würde ich mich dann gleich wieder an einem Reisebericht versuchen. Im ernst, wenn ich es mir aussuchen könnte, ich würde liebend gerne Reisen oder Expeditionen in ferne Länder machen. Solche Filme im Fernsehen faszinieren mich immer wieder, und ich könnte noch vor dem Anspann meine Koffer packen.

Wie viele Manuskripte mussten Sie versenden, bis Ihr erster Roman einen Verlag gefunden hat?

Oh, das weiß ich nicht mehr so genau. Zunächst habe ich es mit Märchen versucht, da habe ich etwa 20 Absagen bekommen, dann Lyrik, das will auch keiner lesen. Mit Gedichten hat noch niemand einen Bestseller gelandet. Für Kurzgeschichten findet man auch kaum einen Verleger, es sei denn man heißt Günter Grass. Bleiben Romane, die sich im Mainstream wiederfinden. Ja, daraus wurden die Wuppertalkrimis. Da habe ich die edition oberkassel als Partner gefunden. Die räumliche Nähe Wuppertal/Düsseldorf gewährleistet einen guten persönlichen Kontakt. Wenn ich zurückschaue, dann ging es doch relativ schnell, obwohl für mich der erste Verlagsvertrag schon etwas ganz Besonderes war – und das ist es immer wieder. Es gibt keine Garantie, dass man gedruckt wird.

Kann man vom Schreiben überhaupt leben?

Ja, wenn man Ken Follett oder Rosamunde Pilcher heißt, mein Name ist (noch!) nicht so bekannt.

Wenn Sie Ihre bereits veröffentlichten Romane noch einmal zur Hand nehmen, entdecken Sie dann Textstellen, die Sie heute ganz anders schreiben würden?

Natürlich, und deshalb lese ich sie auch nicht mehr so gerne, abgesehen davon, dass ich den Inhalt wirklich kenne. Mir kommt dann der Gedanke, diese oder jene Szene, die hätte ich doch auch …

Wenn Sie nicht schreiben würden …

… würde ich wesentlich besser Bridge spielen können.

Teilen:
Share